Vaishnavatheologie I

Die grundlegenden Qualitäten des Existierenden

Thema 06/2025

Shri Bhagavan uvacha
urdhva-mulam adhah-shakham
ashvattam prahur avyayam
chandamsmi yasya parnani
yas tamveda saveda-vit

"Die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach:

'Es wird gesagt, , dass es einen unzerstörbaren Banyanbaum gibt, dessen Wurzeln nach oben und dessen Äste nach unten gerichtet sind und dessen Blätter die vedischen Hymnen sind. Jemand, der diesen Baum kennt, kennt die Veden.'" (Bhagavad-gita 15.1)

Einleitung für diese theologische Reise durch erstaunliche Aussagen der Vaishnavatheologen

Die Vaishnavatheologie fristet ein Schattendasein, weil Theologen anderer spirituellen Schulen die Vaishnava-Lehren aufgrund ihrer Überlegenheit totschweigen. Dennoch ist es einem mutigen Vaishnavatheologen gelungen, die Vaishnavatheologie weltweit zugänglich zu machen. Dieser herausragende Theologe ist HDG AC Bhaktivedanta Swami Prabhupada (1896 bis 1977 AD). Er hatte die Gabe, tiefe spirituelle Sachverhalte sogar den gewöhnlichen Zeitgenossen mitzuteilen, und auch bekannte Theologen seiner Zeit bestätigen, dass er mit seinem Leben und den überbrachten Lehren zu den ganz großen Spiritualisten zählt. In dieser Beitragsreihe möchten wir anhand einiger fundamentalen Aussagen des Vaishnavatums darlegen, welch revolutionäres Potenzial bisher kaum wahrgenommen worden ist.

Einblick I

Das Existierende beruht und entwickelt sich logisch nachvollziehbar und ist dem Menschen grundlegend zugänglich

Für gewöhnlich denken die Menschen im Zusammenhang mit Theologie oder Religion an nebulöse, märchenartige oder menschlich erfundene Welterklärungen. Sie erwarten hingegen nicht klare nachvollziehbare Zusammenhänge. Im vedischen Kontext spielt Logik jedoch eine entscheidende Rolle auch in theologischen Fragen. Obwohl Gott, der Allmächtige, transzendental zu weltlicher Logik waltet, macht Er es den Menschen, die sich für den Urgrund des Existierenden interessieren, möglich, sich Ihm mittels weltlicher Logik zu nähern. Hier beginnen wir unsere Suche:

Armin Risi stellte in seinem Buch GOTT UND DIE GÖTTER die grundlegende Frage, warum es etwas gibt und nicht das NICHTS! Er schlussfolgert sehr einfach nachvollziehbar, dass es das sog. buddhistische NICHTS nicht gibt, weil jeder einzelne von uns Dinge und Phänomene wahrnimmt, jedoch eben nicht das sog. NICHTS. Mit anderen Worten gibt es also mehr als NICHTS.

Nun schließen sich natürlich folgende Fragen an:

a) Warum gibt es das Existierende?

b) Wie entwickelt sich das Existierende?

c) Gibt es einen Urgrund, in dem das Existierende wurzelt und welche Merkmale hat dieser Urgrund?

Das Vaishnavatum beantwortet all diese Frage sehr detailiert. Wir können hier in dieser Beitragsreihe nur Einblicke geben, die für den Unbewanderten meist ebenso erstaunlich und oft unglaublich erscheinen. Also lasst uns mal ins Eingemachte gehen:

Das Existierende, welches wir rund um die Uhr wahrnehmen, gründet tatsächlich im transzendentalen Urgrund (s. oben zitierter Text der Bhagavad-gita). Ja, Shri Krishna vergleicht das Existierende mit einem gespiegelten Baum:

Zur Zeit leben wir (vermutlich alle Leser und der Autor dieses Beitrags) in der Spiegelung. Die Vaishnava-Theologen erklären, dass der transzendentale Urgrund das Original von allem ist, welches folgende Hauptmerkmale aufweist:

a) Der Urgrund ist ewig (Sanskrit: sat).

b) Der Urgrund wird von transzendentalem Wissen entwickelt und aufrechterhalten (Chit).

c) Die Lebewesen in der spirituellen Welt (Im Urgrund also) erfahren ständig ekstatische Freude (Ananda).

Für Lebewesen, die mit der ursprünglichen Situation nicht zufrieden sind, stellt Gott, der Allmächtige, die Spiegelung zur Verfügung, die dem Original ähnelt, jedoch mehr oder weniger abgeschwächt ist. In der Spiegelung verwandeln sich die vorher drei beschriebenen Eigenschaften (sat-chit-ananda) zu folgenden Faktoren der materialistischen Existenz:

a) Aus der Ewigkeit (sat) entsteht die Erscheinungsweise der Tugend (sattva-guna). Diese Erscheinunsweise wirkt für die Lebewesen sehr segensreich, weil sie voller Wissen ist.

b) Aus der transzendentalen Wissensenergie (chit) entsteht materielles Wissen für ein erfolgreiches materialistisches Leben. Dieses Wissen wird von der Erscheinungsweise der Leidenschaft generiert (raja-guna).

c) Aus spiritueller Freude entsteht durch den Einfluss der Erscheinungsweise der Dunkelheit (tama-guna) zeitweiliges materielles Glück, insbes. sexuelle Freude, Wahrnehmung von Geschmäckern, Gerüchen, Berührung, Klang, Schlaf- und Seherlebnisse.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass das Existierende ewig im spirituellen Urgrund existiert und gleichzeitig in der materiellen Spiegelung erfahren wird.

Dies sind schon einmal umwerfende Aussagen, die als Meditationshilfe die Kraft haben, unsere gesamte Weltsicht vom Kopf auf die Füße zu stellen. Es handelt sich - so die vedischen Aussagen - um die Revolutionierung unserer Einsichten.

Ihr Diener

Parivadi dasa