Vaishnavatheologie II

Leidenschaft schafft Leiden

Thema 07/2025

urdhvam gacchanti sattva-shtah
madhye tishtanti rajasah
jaghanya-guna-vritti-stah
adho gacchanti tamasah

"Diejenigen, die sich in der Erscheinungsweise der Tugend befinden, steigen allmählich zu den höheren Planeten auf; diejenigen in der Erscheinungweise der Leidenschaft leben auf den irdischen Planeten, und diejenigen in der abscheulichen Erscheinungweise der Unwissenheit fallen zu den höllischen Welten hinab." (Bhagavad-gita 14.18)

Einblick II

Das hervorstechendste Merkmal der materiellen Existenz ist Leidenschaft

Gerade wenn wir derzeit den Senat und Kongress bei der Einschwörung der neuen US-Regierung beobachten können wir unschwer die große Leidenschaft der Politiker spüren, mit der sie die von Trump ausgesuchten Ministeranwärter grillen. So etwas sollte eigentlich eine Selbstvertändlichkeit sein, denn schließlich sind diese zukünftigen Minister nun mal dem Kongress gegenüber verantwortlich. In unserer BRD vermissen wir solche Prozeduren leider. Bei den Amerikanern fällt auf, dass sie mit großer Verbissenheit Fallen stellen, um unqualifizierte Ministeranwärter auflaufen zu lassen. Der Stolz der Senatoren ist fast mit Händen zu greifen. Leidenschaft ist gerade in Regierungskreisen dieser Welt das hervorstechendste Merkmal. Bereits die Schöpfung der materiellen Welt wird von der Erscheinungsweise der Leidenschaft angetrieben. Wer ohne Leidenschaft lebt kommt materiell gesehen auf keinen grünen Zweig. Das sieht man gerade in der USA, wo die ganze Lebensphilosophie auf leidenschaftlichen Prinzipien beruht:

Im Land der "unbegrenzten Möglichkeiten" wird seit eh und je jeder dazu aufgerufen, sein eigenes Glück zu schmieden, ähnlich wie Elon Musk, der als Paradebeispiel dient, der als gewöhnlicher Bürger es mittels seines Fleißes zu großem Reichtum gebracht hat.

Noah soll vom Gott der Bibel wie folgt unterwiesen worden sein (als die Arche nach langen Irrfahrten wieder anlandete):

"Seid fruchtbar und mehret Euch!"

Der Schöpfer übertrug den Impuls der Leidenschaft so auf die Menschheit; Und so üben wir uns täglich leidenschaftlich im Existenzkampf, und der überwiegende Teil aller Menschen hält dies für normal und richtig. Nur verschiedenste Außenseiter, z. B. Philosophen, Yogis und andere Lebenskünstler leben nach alternativen Grundsätzen, jedoch ist es kaum möglich, sich der Leidenschaft ganz zu verweigern oder zu entziehen.

Das größte Symbol der Leidenschaft ist natürlich das andere Geschlecht, mit dem man (sie) die Freuden des Familienlebens genießt, Heim und Herd unterhält und die Gesellschaft der Menschen bereichert, indem man an Festen, Brauchtum etc. teilnimmt.

Die Dominanz der Leidenschaft zeigt sich in erster Linie im vorherrschenden Weltverständnis, wonach der Schöpfer die höchste göttliche Instanz sei. Der Schöpfer wird im Vaishnavatum als Lord Brahma verehrt, jedoch mit dem Verständnis, dass er eben nicht die Höchste Persönlichkeit Gottes ist, sondern als Diener Shri Krishnas für die Schöpfung verantwortlich ist. Vaishnavas verehren Brahma, jedoch zentrieren sie ihre Verehrung und ihr Streben auf den Höchsten Herrn, Shri Vishnu, aus dessen Nabel der Lotos wuchs, in welchem Lord Brahma manifestiert wurde. Lord Brahma verehrt seinen Ursprung, Shri Vishnu. Ein solches Verständnis sucht man in abrahamitischen Lehren vergeblich. Es ist darum kein Wunder, dass abrahamitische Gläubige vorrangig leidenschaftlich eingestellt sind. Wer spirituell etwas höher steigen möchte, muss sich in vedisch geprägte Gefilde begeben, insbesondere nach Indien, wo Lord Brahma eine untergeordnete Rolle spielt, während Shri Vishnu, der die Erscheinungsweise der Tugend lenkt, im Mittelpunkt der Verehrung steht. Könnte es sein, dass Indien bisher keine Angriffskriege geführt hat, weil tugendhaftes Verhalten den Mittelpunkt der Religion darstellt? Es fehlt der leidenschaftliche Drang, immer mehr zu wollen. Die Inder begnügen sich idR mit dem, was ihnen aufgrund ihres Karmas zukommt. Echte Spiritualisten, die nach Hause, zurück zu Gott, streben, verschwenden ihre Zeit eben nicht mit expansionistischen Bemühungen.

Das Verständnis von den drei Grundkräften im Kosmos (Tugend, Leidenschaft und Unwissenheit) ist detailiert nur im Vaishnavatum aufzufinden, insbesondere im vierzehnten Kapitel der Bhagavad-gita, welche wir dem Leser hiermit ans Herz legen. Die ersten sog. Indienfahrer, insbes. Hölderlin, die Gebrüder Schlegel, Schopenhauer und später dann Hesse verstanden, dass in Indien eine höhere Form von Kultur noch nachschwingt, dass die Veden dem biblichen Weltverständnis überlegen sind! Obwohl die indische Kultur von den muslimischen und später englischen Besatzern - oft vorsätzlich - ziemlich verwässert worden war, spürten die sog. Indienfahrer immer noch den transzendentalen Grundgeist der vedischen Kultur.

Auch heute noch erlebt man (sie) eine Art Kulturschock, wenn man in Indien anlandet, z. B. in Kolkata, Mumbay oder auch Südindien. Für Materialisten ist es meist wirklich ein unangenehmes Erlebnis, während ernsthafte Spiritualisten den vedischen Grundgeist als die gesuchte Alternative erkennen.

Zusammenfassung des zweiten Einblicks

Nur das vedische Weltverständnis erklärt, warum Menschen verschiedene Gottheiten verehren, ohne die jeweiligen Verehrer zu missachten. Ein Vaishnava erkennt, dass sich verschiedene Bewusstseinsstufen insbesondere in der Art der Gottesverehrung Ausdruck verschaffen:

Leidenschaftliche Charaktere verehren den Gott der Leidenschaft, eben den Schöpfer!

Fortgeschrittene Spiritualisten fühlen sich hingegen zu Shri Vishnu hingezogen, der die Lebewesen dazu anhält, die leidvolle leidenschaftliche Welt zu verlassen, um nach Hause zu gehen!

Der Vollständigkeit halber erwähnen wir auch noch die Shivaiten, die wissen, dass die Grundkraft des Materialismus besonders mittels der Verehrung des Lenkers der Dunkelheit angefeuert werden kann. Im abendländischen Weltverständnis ist SATAN der Herr der Welt. Viele verkaufen ihm um der materiellen Karriere willen ihre Seelen. Ja, das funktioniert tatsächlich. Aber es ist nicht die "Schuld" des Teufels oder Lord Shivas, wenn eingefleischte Materialisten jede spirituelle Orientierung verlieren und zuletzt oft im Suizid Zuflucht suchen. Wir erhalten eben das, was wir anstreben. Lord Shiva oder der Teufel sind nicht "böse", sondern sie dienen dem Höchsten Herrn, indem sie radikale Materialisten (= Satanisten) bedienen und damit verführen, weil diese Satanisten es so wollen.

Somit haben wir die vedische Trinität grob erklärt, ohne auf viele Details eingehen zu können.

Ihr Diener

Parivadi dasa